Seit 2014 die ersten Supermärkte für verpackungsfreie Lebensmittel in Deutschland öffneten, hat sich eine Menge getan. Mittlerweile gibt es in nahezu jeder größeren Stadt ein Lebensmittelgeschäft, das mit eigener Tupperdose betreten und ohne Einwegplastik verlassen werden kann. Wir blicken zurück auf die Erfolgsgeschichte und verraten, wo genau sich mittlerweile in bester Zero-Waste-Manier der Vorrat füllen lässt.

Es ist schon absurd: Wer bei Lidl, Aldi oder Edeka zu Obst und Gemüse in Bioqualität greift, verlässt den Laden nicht selten mit deutlich mehr Verpackungsmüll, als der Einkäufer konventionell angebauter Lebensmittel. Nicht nur, weil Bio generell in kleineren Mengen verpackt wird, sondern weil der Plastikmantel überhaupt vorhanden ist, während die eine vorhandene Sorte des konventionell angebauten Pendants doch gänzlich ohne auskommt. Die Zeiten, in denen das Kassenpersonal noch selbst zwischen den Apfelsorten unterscheiden musste – man erinnere sich an die abgegriffene, bunte Mappe mit den kleinen Bildchen und zugehörigen Artikelnummern neben der Kasse – sind nur noch dunkle Erinnerung. Dafür piept die Kasse jetzt doppelt so oft – weniger Personal, höhere Umsätze. Piep, piep, piep.

Gegenmodell Unverpackt

Bulk Food ist die englische Bezeichnung für unverpackte Lebensmittel, BulkBarn heißt der mit 230 Läden und über 4000 Produkten größte Anbieter von Bulk Food in Kanada. Den gibt es schon seit 1982. Die Begriffe „Zero Waste“ und „Cradle To Cradle“ waren damals ebenso wenig bekannt, wie die moderne Kreislaufwirtschaft als Gegenmodell zur industriellen Linearwirtschaft mit der Mülldeponie an letzter Stelle der Konsumkette. Gut dreißig Jahre und eine ordentliche Portion Öko-Zeitgeist später hat auch in Deutschland der erste Laden eröffnet: „Unverpackt“ in Kiel. Mit der Berliner Crowdfunding-Version „Original Verpackt“ kam Mitte 2014 dann der Hype, der zunächst schnell wieder vorbei war. Im Interview mit dem SWR lässt Geschäftsführerin und Mitgründerin Milena Grimbovski durchklingen, dass es anderthalb Jahre gedauert habe, bis der Laden sich rechnete, bis die tragende Stammkundschaft aufgebaut war. Wirklich verwundern tut das nicht, die Herausforderungen sind auf allen Seiten riesig.

Original Unverpackt

Milena Glimbovski, Co-Gründerin von Original Unverpackt

Die verpackungsarme Beschaffung großer Gebinde ist immer noch schwer, die Einhaltung der Hygiene-Anforderungen nah an der Grenze zur Unmöglichkeit und Marketing für Produkte ohne Marke ist mitnichten ein Selbstläufer. Auch auf Konsumentenseite ist Um- und vor allem Nachdenken gefragt: Mehrwegdosen und -gläser müssen mitgeschleppt werden, die quasi nicht vorhandene Ladenauswahl erfordert unter Umständen Umwege und das Sortiment setzt immer noch Grenzen.

Über 30 Läden bundesweit

Allen Schwierigkeiten zum Trotz hat der Ansatz schon Nachahmer im gesamten Land gefunden. Über dreißig Läden gibt es bereits, weitere sind in der Planungs- oder Crowdfundingphase oder stehen bereits kurz vor der Eröffnung. Welche Läden das sind, kann man auf der folgenden Karte sehen, die von Shia, Macherin des Blogs „Wasteland Rebel“ und Unverpackt-Fan der ersten Stunde.

Darüber hinaus wird das Konzept durch die junge Agentur „unverpackt-einkaufen“ vorangetrieben und die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Brandenburg hat im Mai 2016 das Forschungsprojekt „Der verpackungsfreie Supermarkt“ ins Leben gerufen. Dort will man untersuchen, wie das Konzept wächst, was die besonderen Schwierigkeiten, Herausforderungen und Potenziale sind und einen Wissenstransfer ermöglichen, damit neue Betreiber nicht die Fehler wiederholen, für die andere längst Lösungen gefunden haben.

Es steht also nicht schlecht um das Konzept des verpackungsfreien Supermarkts, zumal immer mehr Einkäufer selbst auf Müllvermeidung achten. Selbst an den großen Lebensmittelketten geht die Kritik an der Verpackungspraktik nicht vorbei. Nachdem die Rewe Group im letzten Jahr die Plastiktüte aus den Läden verbannt hat, startet sie in diesen Tagen ein Pilotprojekt, an dem 800 Supermärkte in Nordrhein-Westfalen teilnehmen: Statt auf einer Verpackung trägt das Obst & -Gemüse das Bio-Siegel direkt auf bzw. in der Schale. Es wird per Laserstrahl eingebrannt, „Natural Branding“ nennt sich das. Das Projekt ist zunächst für vier Wochen angesetzt, dürfte aber Erfolg versprechen.

Wir bleiben dran und blicken gespannt und freudig auf die künftigen Entwicklungen in Richtung „Zero Waste“.

Fotos: Original Unverpackt