Wenn es um die Entscheidung geht, woher Fleisch und Eier stammen, die in der Küche verarbeitet werden sollen, geht manch ein Gastronom radikale Schritte – und züchtet sich ein Urhuhn nach. Kein Witz! Andrea Galotti aus Karlsruhe und ihr Mann Marcello verfolgen seit Jahren diesen Plan. Sie sind unzufrieden mit den Hühnern, die es üblicherweise am Markt gibt. Vor allem geschmacklich sehen sie bei den gängigen Hybridhühner eine Flaute. Sie versprechen sich daher viel von der Nachzüchtung des Urhuhns, das als Zweinutzenhuhn in der Lage ist, sowohl Eier zu legen, als auch ausreichend Fleisch anzusetzen.

Heute kommen 95 Prozent aller Hühner aus Hybridzucht. Da ist es wie mit Monokulturen. Nur jene Hühnerrasse, die entweder besonders viel Fleisch in kürzester Zeit ansetzt oder jene, die massenweise Eier legen kann, wird weiter optimiert und auf Höchstleistung getrimmt. Ein Huhn, das beides kann, gibt es in der industriellen Produktion nicht mehr. Es wurde ausgemerzt. Gesund ist das für niemanden, weder für das Huhn, noch für den Menschen.

MEHR VIELFALT IM HÜHNERSTALL

Aber es regt sich Widerstand gegen diese Eindimensionalität. So wird vermehrt nach Möglichkeiten gesucht, alte Rassen des Zweinutzenhuhns nachzuzüchten. Sie wachsen langsamer, dafür aber gesünder und können sich bei vernünftiger, artgerechter Haltung vor allem mit dem eigenen Körpergewicht auf den Hühnerbeinen halten, was dem konventionellen Fleischhuhn heute oft nicht mehr möglich ist. Am Tag legen sie ein Ei, manchmal auch zwei. Damit ist es dann aber auch gut. Zum Tierwohl gehört ebenfalls eine gute Haltung und die setzt voraus, dass die Hühner im Gras picken und im Sandkuhlen suhlen können, dass sie familienähnliche Gruppen bilden können und dass sie nicht „vorsorglich“ mit Medikamenten vollgepumpt werden. Das ist bei den deutlich robusteren Urhühner ohnehin nicht nötig. Die artgerechte Haltung tut ihr Übrigens für ein stabiles Immunsystem der Tiere.

Als vielversprechende Hühnerrassen gelten Zweinutzenhühner wie die Les Bleues oder die Sundheimer. Als Gastronomen entscheidet ihr mit, was am Markt erhältlich ist und habt großen Einfluss darauf, was kommt und geht. Helft mit, die Artenvielfalt zu erhalten.

GASTRONOMEN WERDEN SELBST AKTIV

Andrea und Angello Gabaletti wollen für ihren Traum vom Urhuhn am liebsten mit einem regionalen Landwirt zusammenarbeiten, der nicht nur dieselbe Leidenschaft dafür an den Tag legt, sondern auch die gleichen Ansprüche pflegt. Eigentlich ist es ein Rätsel, warum noch immer so wenige Höfe, auch Zweinutzenhühner züchten, denn zusätzliche Kosten werden über die EU-Agrar-Mittel sogar erstattet. Es ist also hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis das Urhuhn den Markt zurück erobert.

(Foto: Biohof Kettenberg/Sebastian Kettenberger)